Leopold Szondi

Herkunftsfamilie


 

Die Erfahrungen mit den Lebensschicksalen seiner Herkunftsfamilie nährten Szondis Überzeugung von der schicksalstiftenden Bedeutung der menschlichen Wahl im Spannungsfeld von Freiheit und Zwang. „Wo hätte man auf solche Gedanken leichter kommen können als in einer Familie, wo man das Schicksal des glücklichen und unglücklichen Lebens, die Berufswahlen, die Krankheiten und Todesarten von zwölf Geschwistern miterleben musste?“ (Szondi in Pongratz 1973, 413). Deshalb seien im Folgenden die Lebensschicksale der Herkunftsfamilie von Leopold Szondi, soweit bis heute bekannt, nachgezeichnet.

Geburtsort und Familie

Leopold Szondi wurde als Lipót Sonnenschein am 11. März 1893 in der damals ungarischen Stadt Nyitra (heute das slowakische Nitra) im jüdischen Stadtviertel Párovská (Parurcza), Haus Nr. 24, als Sohn von Abraham Sonnenschein und Rézi Kohn geboren. Zur Zeit der Geburt von Lipót Sonnenschein gehörte der Grossrabbiner von Nyitra dem Geschlecht der Katz an. Mór Forhand von Nyitra war Pate von Lipót Sonnenschein.

Am 26.12.1860 heiratete Abraham Sonnenschein (1837-1911) in erster Ehe die fast gleichaltrige Betty (Berta) Fundovou (1838-1877) aus Nyitra. Aus der ersten Ehe des Vaters entstammten vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter: Vilmos, József, Sarolta und Maria.

Am 19.04.1877 verstarb Betty Sonnenschein in ihrem 39. Lebensjahr. Abraham Sonnenschein heiratete am 14.08.1877 Rézi Kohn (geb. 1853). Der zweiten Ehe entsprangen neun Kinder, fünf Söhne und vier Töchter: Sándor, Zsigmond, Henrik, Magdolna, Eszter, Berta, Paula, Lipót (1893-1986) und Artúr.

Durch die Existenznot gezwungen zog die Familie Sonnenschein 1898 nach Budapest, weil dort erwachsene Söhne und Töchter Arbeit gefunden hatten und die Familie ernähren konnten. 

Die Eltern

Abraham Sonnenschein war 1837 als einziges Kind von Josef und Leny Sonnenschein geboren und stammte aus dem slowakischen Mecheníc (Menyhe), dem späteren Podhorany, einem Stadtbezirk von Nyitra (Nitra). Von Beruf war er Schuhhandwerker, genauer Schäftemacher. Er hatte jedoch seinen Beruf schon früh aufgegeben. Da er im Grund seines Wesens ein jüdischer Gelehrter war, widmete er sich vielmehr ganz dem Studium hebräischer, kabbalistischer, talmudischer und chassidischer Schriften. Abraham Sonnenschein war kein orthodoxer, sondern neologer Jude. Nach seiner Übersiedlung nach Budapest im Jahre 1898 übernahm er zeitweise die Aufgaben eines Hilfsrabbiners, der an grossen Feiertagen die Gottesdienste leitete. Abraham Sonnenschein verstarb 1911, im achtzehnten Lebensjahr von Lipót Szondi. Bis zum Tode seines Vaters hatte Lipót ihm zuliebe die vom jüdischen Glauben vorgeschriebenen Riten und Zeremonien ausgeübt. Ein Jahr lang nach dem Todes seines Vaters sprach er morgens und abends das Todesgebet (Kaddisch) vor der Gemeinde.

Leopold Szondi drückte stets die Überzeugung aus, dass er durch seinen Vater zu einem religiösen Menschen geprägt worden sei. Selbst die zentrale Rolle, die der Glaubensfunktion in der Schicksalsanalyse zukommt, führte er auf die väterliche Prägung zurück. Er betrachtete sich zeitlebens als gläubigen Juden, auch wenn er die religiösen Riten aufgegeben hatte.

Von der Mutter, Rézi Kohn, wissen wir, dass sie aus der Nähe von Nyitra (Zsámbokrét) stammte.

Die Geschwister aus erster Ehe des Vaters

Vilmos Szondi (1861; gestorben zwischen 1926-1930)

Wilhelm, in der Familie auch "Vili" genannt, änderte seinen angestammten Namen Sonnenschein in Szondi. Er heiratete eine evangelische Frau (mit dem Vornamen Agnes) aus dem deutschen Sachsen und konvertierte zum christlichen Glauben. Der Abfall vom jüdischen Glauben war für seinen religiösen Vater Anlass, seinen Sohn zu betrauern, wie dies sonst für einen Verstorbenen üblich war. Wilhelm hatte zuerst in Wien Medizin studiert. Nach Abbruch des Medizinstudiums wurde er Gymnasiallehrer. Zuerst lebte er in Siebenbürgen (Nagyvárad). Nach dem ersten Weltkrieg zog er nach Budapest um. Er hatte drei Kinder. Seine beiden Söhne, György und Jenö, sind früh, keine dreissig Jahre alt, gestorben und waren nicht verheiratet. (Ein Sohn wurde Pilot und erkrankte an Leukämie). Die Tochter hiess Agnes. Für Leopold Szondi war der Stiefbruder Wilhelm in gewisser Hinsicht entscheidend, weil dessen Medizinstudium für seine Berufswahl ausschlaggebend wurde.

Jószef Sonnenschein (1871-1943)

Josef (familiär Józsi) wohnte mit seiner Familie in Kispest (Kisfaudy-Strasse 17). Er führte zuerst einen Gewürzladen, dann, in den dreissiger Jahren, arbeitete er in einer grossen Brauerei (Dreher). Seine Frau, Berta Kohn (magyarisiert Kertész), war die Nichte von Rézi Kohn, der Mutter von Leopold Szondi. József starb 1943 an einer Herzkrankheit. Seine Frau, Berta Sonnenschein, wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

József und Berta Sonnenschein hatten drei Kinder: Géza, Erzsébet und Margit.

Géza (geboren am 2. Mai 1902, gestorben zwischen 1978-1980) war erfolgreicher Rechtsanwalt und hatte seinen Namen in Szondi geändert. Aus seiner Ehe mit Bella Szidon entstammte Peter Szondi. Géza Sonnenschein wurde 1943 in ein Zwangsarbeitslager nach Bor (Jugoslawien) verschleppt, wo er in einem Zinnbergwerk arbeiten musste. Seine Frau Bella und der Sohn Peter wurden 1944 aus Kispest nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Géza Szondi kehrte 1945 von Bor nach Kispest zurück, wo er wieder als Rechtsanwalt arbeitete. Am 18. 12.1956 bat Géza Szondi von Budapest aus seinen Onkel Leopold Szondi brieflich um Hilfe für eine Einreisegenehmigung in die Schweiz und bemerkte dabei: „Für unsere Familie ist im Allgemeinen bezeichnend, dass wir nur in äusserster Not miteinander Kontakt suchen. Von Euch habe ich sehr selten dieses oder jenes gehört.“

Erzsébet Sonnenschein (1900-1991), genannt „Bözsi“, war Beamtin und verheiratete sich mit István Komáromi, von Beruf Schneider. Erzsébet Komáromi wurde von Leopold Szondi in seinem Testament als Tochter des vollbürtigen Bruders József erwähnt. Sie wanderte 1987 zu ihren zwei Kindern, János (geb. 1930) und Eva (geb. 1932), nach Australien aus. János (John) Komáromi war Mathematikerlehrer und Verfasser von Mathematiklehrbüchern. In Budapest heiratete er im Jahre 1954 Veronika Czinn. 1957 floh János mit seiner Frau, seiner Tochter Judith und seiner Schwester Eva aus Ungarn. Sie emigrierten nach Australien, wo sie sich in Sydney niederliessen. 1964 wurde der Sohn Peter geboren. Judith ist Psychiaterin, Peter Chiropraktiker.

Die ledig gebliebene Margit Sonnenschein (1915-1975), familiär "Manci" genannt, war als Fachärztin für Innere Medizin Chefärztin an einem kardiologischen Ambulatorium und später als überzeugte Marxistin und Kommunistin politische Leiterin an einer grossen Poliklinik mit 600 Angestellten, wo sie selbst im ärztlichen Labor arbeitete. Margit Sonnenschein, selbst lange Zeit Opfer der die Juden schikanierenden und einschränkenden Gesetze, war zeitlebens Verwandten in der Not eine wichtige Stütze.

Sarolta (Charlotte) Sonnenschein (187[?]- ungefähr 1938-1940), genannt "Lottika", verheiratete sich mit Henrik Skalla. Sie lebten in Budapest und führten ein Schneidereiunternehmen und Ausleihgeschäft für Phantasiekleider. Sie hatten 4 Kinder: Bianka (1894-1978). Biankas Tochter, Vera, verheiratete sich mit Kálmán Iván; Elsa Skalla (1895-1986), Sándor Skalla (1896[97?]-1983; Rózsi (1904-1997), verheiratet mit Franz Jank, lebte in Wien. Sarolta starb an Lungenentzündung.

Maria Sonnenschein (1874-?) mit dem Rufnamen „Mariska“ überlebte mit ihren drei Kindern (zwei Töchter und einem Sohn) das Ghetto in Budapest. Ihr Mann hiess Mandel. In einem Brief ihres Halbruders Artúr Szondi an Lili und Leopold Szondi aus dem Jahre 1948 wird Mariska als „gebrochene alte Frau“ erwähnt. 

Die Geschwister aus zweiter Ehe des Vaters

Sándor Szondi (1878-1956), mit Rufnamen "Sanyi", war verheiratet mit Frau Lenke. Sándor übernahm den Namen Szondi im Jahre 1898. Die Ehe blieb kinderlos. Vor dem zweiten Weltkrieg betrieb Sándor in Budapest eine florierende und renommierte Herrenschneiderei. Er besass in einem vornehmen Viertel der Stadt eine Villa. Im diplomatischen Schutz einer Botschaft überlebten er und seine Frau die Judenverfolgung. Nach dem Krieg eröffnete er eine kleine Schneiderei. Kränklich geworden, musste er unter den erschwerten Bedingungen des kommunistischen Systems die Schneiderei und die Wohnung aufgeben. In Pécs fand er zusammen mit seiner Frau in einem Heim wohltätige Aufnahme. Dort verstarb Sándor 1956, seine Frau Lenke im Jahre 1970.

Zsigmond („Zsiga“) Sonnenschein (1880-1938?) lebte in Eszék (Osiek). Er war Schuldirektor und hatte zwei Kinder. Zsigmond starb an einer Herzkrankheit. Sein Sohn Leo wanderte nach Palästina aus. Anlässlich eines Besuches in Jugoslawien von Deutschen erkannt, wurde Leo von Nazis verschleppt. Er kehrte nie mehr zurück. Die Tochter Alma hatte geheiratet und lebte in Holland. Nach dem Überfall von Holland durch Nazi-Deutschland blieb jedes Lebenszeichen von ihr aus. Über das Schicksal von Zsigas Frau ist nichts bekannt.

Henrik Szondi (1881-1936) war Leiter eines grossen Warenhauses für Bekleidung und lebte in Pest. Er änderte seien Namen in Szondi um. Henrik heiratete zweimal. Aus der ersten Ehe stammte die Tochter Erzsi. Durch Flucht entkam sie der Deportation durch die Nazis und überlebte. 1947 wanderte sie über Zyper - wo sie heiratete - nach Palästina aus. Aus der zweiten Ehe von Henrik Szondi mit Helen Büchler stammte der hochbegabte Sándor („Sanyi“) Szondi (geb. 1921), der beim Onkel Sándor Szondi eine Schneiderlehre absolvierte, aber lieber Medizin studiert hätte. 1943 musste er jedoch zum Arbeitsdienst einrücken. Später wurde er nach Deutschland deportiert. 1945 erlebte er noch seine Befreiung, doch war er so geschwächt, dass er noch vor seiner Heimkehr nach Ungarn starb. Sanyi sah seinen Sohn Péter nie. Als sich Sanyis Frau erneut verheiratete, erhielt Péter den Namen Kovács. Henrik Szondi war herzkrank. Er stürzte schwerkrank im Spital aus dem Fenster.

Magdolna Sonnenschein (1883-1944) mit Rufnamen „Linka“, machte eine Lehre als Näherin und führte vor der Heirat einen Damensalon mit mehreren Angestellten. Wie alle Geschwister, die noch keine Familie gegründet hatten, lebte sie mit ihrem Vater und mit ihrer Mutter zusammen in Pest an der Alsóerdösor-Gasse. Da Magdolna gut verdiente, half sie zusammen mit anderen verdienenden Geschwistern an der Finanzierung des Medizinstudiums von Lipót Szondi mit. Linka verheiratete sich nach dem Ersten Weltkrieg mit László Bichler (geb. 1884), dessen Familie im Hause an der Alsóerdösor Gasse zusammen mit der Familie Sonnenschein wohnte. Lipót Szondi war Trauzeuge. László Bichler liess sich noch vor dem Ersten Weltkrieg auf den Namen Barta magyarisieren. Von Beruf war er Chefbuchhalter bei einer Grossbank. Aus seiner Ehe mit Magdolna stammt der 1923 geborene Sohn András. Die Familie Barta lebte in einem Einfamilienhaus in Kispest. Die Ende der dreissiger Jahre erlassenen antijüdischen Gesetze erzwangen die Frühpensionierung von László Barta und verwehrten András nach der Matura den Zugang zur Universität. 1944 musste András zum Arbeitsdienst einrücken. Ende Juni 1944 wurden László und Magdolna Barta von Kispest nach Auschwitz verschleppt. Magdolna wurde in den Gaskammern ermordet, László Barta wurde in ein Lager bei Dachau transportiert, wo er der Qual ein Ende setzte. András Barta gelang die Desertation aus dem Arbeitsdienst. Mangels finanzieller Unterstützung musste er das begonnene Medizinstudium abbrechen. Er erwarb an der Budapester Technischen Hochschule das Diplom als Elektroingenieur. Später wurde er Chefingenieur bei einer Flugplatz-Direktion. 1946 heiratete er Eva Hermann. Sie war pharmazeutische Laborantin und später Beamtin. Eva Hermann hatte die Qualen in einem medizinischen Versuchslager von Auschwitz und die anschliessende Verschleppung in die Ukraine überlebt. Aus der Ehe entstammt der Sohn László, von Beruf Arzt.

András Barta war mit allen Geschwistern von Leopold Szondi in Berührung gekommen. Er pflegte den Kontakt zu Lili und Leopold Szondi in Zürich, sei es brieflich, sei es durch Besuche in den Jahren 1970, 1974 und 1979. Nach 1945 war Leopold Szondi durch András Barta über die Schicksale seiner Angehörigen unterrichtet. Lili Szondi verfasste die Antwortbriefe an András, die Leopold Szondi mit seinem familiären Rufnamen „Poldi“ unterschrieb. Im Testament von Leopold Szondi war András Barta als Sohn seiner vollbürtigen Schwester Linka Sonnenschein aufgeführt. András Barta stellte 1997 sein umfangreiches Wissen über die Familie Sonnenschein dem Autor der biographischen Skizze über Leopold Szondi, Karl Bürgi-Meyer, zur Verfügung.

Eszter [Ernestina] Sonnenschein (1886 bis nach 1952) mit Rufname „Eszti“ wanderte zwischen 1928-1932 mit ihrem Gatten Lajos (Luiz) Wagner nach Brasilien aus. Zunächst war Luiz Wagner Verwalter, Eszter Haushälterin bei einem deutschen Gutsbesitzer in Porto Allegre. Später gelang es ihnen, eine kleine Bananenplantage in Cachoeiras de Macacu im Distrikt von Rió de Janeiró zu kaufen. Als kranke, zurückgezogene und sorgengequälte alte Frau schrieb Eszter 1950 nach dem Tode ihres Mannes Luiz Wagner und auch 1952 an ihren Bruder „Poldi“ in Zürich. Sie beschrieb das entbehrungsreiche Leben als „lavrador“ auf einem zwar eigenen, jedoch kargen Anwesen mit einer Bananenpflanzung, das gerade das Nötigste fürs Überleben abwarf. Zwischen ihren beiden Briefen hatte Eszter von Leopold Szondi - nach langem zeitlichen Unterbruch - einen Brief erhalten. 1952 bat sie Leopold Szondi, ihren jüngsten Bruder Artúr Szondi und ihre Nichte Margit Sonnenschein, beide in Budapest, über sie zu informieren, da sie von beiden keine Adresse mehr besitze.

Berta Sonnenschein (1888-1934?) war mit Vilmos Holländer verheiratet. Ihr 1922 geborener Sohn hiess Andor („Bandi“). Vilmos Holländer starb etwa drei bis vier Jahre nach seiner Frau Berta. Lipót Szondi, Sándor Szondi und László Barta legten für den Vollwaisen Andor, der nun bei Verwandten lebte, monatlich das nötige Geld zusammen. Andor Holländer musste 1944 zum Arbeitsdienst einrücken. Er ist nicht mehr zurückgekehrt.

Paula Sonnenschein (1890- 1935?) wanderte etwas früher als ihre Schwester Eszter nach Brasilien aus. Dort heiratete sie. Die Ehe blieb kinderlos.

Artúr („Turi“) Szondi (1895-1956) änderte seinen Namen Sonnenschein in Szondi. Seine Frau hiess Margit („Manyi“). Nach der Matura fand Artúr Szondi in der Papierbranche eine Anstellung. Von Priestern des Bistums Veszprém versteckt, gelang es ihm, der Judenverfolgung zu entkommen. Nach 1945 durchlief er eine steile Karriere und wurde kommerzieller Direktor einer Papier- und Schreibwarenfabrik. Als Sozialdemokrat avancierte er zum Vizepräsidenten der Gewerkschaft der kaufmännischen Angestellten. Durch die Vereinigung der Sozialdemokratischen Partei mit der Kommunistischen Partei wurde er Kommunist. Verinnerlicht hatte er allerdings den Kommunismus nicht. Er beschäftigte sich ausschliesslich mit gewerkschaftlichen Aufgaben. Die Ehe blieb kinderlos. Artúr Szondi lebte mit seiner Frau an der Murányi-Gasse 36 in Budapest. Bei sich hatte er die ältere Schwester seiner Frau, Giza, deren Mann und deren zur Vollwaise gewordene Enkelin Vera aufgenommen. Die Ärztin Margit Sonnenschein betreute lange Jahre bis zu seinem Tod, den herz- und gefässkranken Artúr.