Leopold Szondi 

Gametaler Genotropismus


 

Gametaler Genotropismus: Rückkehr der Ahnen

Leopold Szondi veröffentlichte 1937 "Analysis of Marriages - An attempt at a theory of choice in love". Damit führte er eine neue Theorie der menschlichen Wahlhandlungen in die Psychologie ein. Diese lässt die schicksalsprägenden Wahlen des Menschen, wie die Wahl von Partnern, Freunden, des Berufes, der Krankheit und selbst der Todesart in einem völlig neuen Licht erscheinen.

Reaktion von Sigmund Freud   
Mit der Veröffentlichung seiner Wahltheorie stellte Szondi ein neues wissenschaftliches Paradigma vor, das die Bildung einer neuen Disziplin innerhalb der Tiefenpsychologie, nämlich die Schicksalsanalyse ("fate analysis") einläuten sollte. Der vierundvierzigjährige Forscher aus Budapest sandte 1937 seine "Analysis of Marriages" an den 81jährigen Sigmund Freud nach Wien, dem aufmerksamen Hüter der psychoanalytischen Theorie menschlicher Liebeswahlen. Szondi betrachtete die psychoanalytischen Einsichten in die Dynamik menschlicher Liebeswahlen grundsätzlich als zutreffend, jedoch als Epiphänomene des von ihm postulierten Genotropismus. In seiner schriftlichen Antwort gestand Sigmund Freud, wenn auch mit einiger Skepsis und Distanzierung zum Thema, den von Szondi ins Feld geführten Argumenten einen möglichen, wenn auch marginalen Einfluss zu.

Genotropismus    
Die weitere Bearbeitung der Wahltheorie führte Szondi zum Begriff des "Genotropismus". Unter Genotropismus versteht er eine von Genen ausgehende Kraft, die Menschen mit gleichen oder verwandten Erbanlagen zueinander zieht und ihre wechselseitige Bindung in Liebe und Freundschaft aufrechterhält. Menschen, in deren Genbeständen identische oder verwandte Gene enthalten sind und die sich deshalb zueinander hingezogen fühlen, heissen „Genverwandte“. Genotropismus meint die wechselseitige Anziehung, die Wahl und das Zusammenspiel von Menschen, die in ihren Genbeständen verwandt sind. Die Anziehung genverwandter Menschen wurzelt letztlich im Bestreben einzelner Gene, sich im Wettstreit mit anderen Genen durchzusetzen und generationenübergreifend Einfluss auf familiäre Lebensmuster zu nehmen. Menschen mit identischen Genen wählen und unterstützen sich in Liebe und Freundschaft, um die Ausbreitung gemeinsamer Gene zu fördern. Menschen werden unbewusst zu Mitspielern der Gene. Szondi gibt den Genen gar einen handelnden Status. Die elterlichen Keimzellen (Gameten) sind das Agens hinter der Paarfindung, dessen Endzweck in der Entstehung  des Individuums liegt, das erst werden soll. Szondi nennt den Vorgang gametaler Genotropismus und spricht „bildlich“ von der „Elternwahl“ (d.h. dank Anziehung der Gameten finden die potentiellen Eltern zusammen). „Dieser primäre „gametale Genetropismus“ ist auch gleichsam der Hochzeitsmarsch unseres Schicksals und bewirkt, dass unsere künftigen Zeuger und Empfänger sich finden und vereinigen, damit wir geboren werden.“

Faszination auf Thomas Mann   
Thomas Mann war fasziniert vom genotropischen Denken Szondis, das den Menschen als „Genwesen“ begreift und den Schicksalsweg des Menschen schon längst vor Zeugung und Geburt beschreiten lässt. Denn nach Szondi bewirkt der „gametale Genotropismus“, dass sich künftige Eltern als Genverwandte erkennen und Erzeuger und Erzeugerin zusammenfinden. Im eingangs zitierten Dankesbrief an Szondi bezieht sich Thomas Mann auf die Idee von der "Elternwahl". Ebenso entscheiden nach Szondi genotrope Kräfte, zu welchem unserer Kinder wir uns als Eltern und zu welchen Elternteilen wir uns als Kinder am meisten hingezogen fühlen. Die schicksalsprägenden Wahlen in Freundschaft und Liebe, die Wahl von Beruf, Erkrankungs- und Todesart sind nach Szondi weitere Stationen des im Brief von Thomas Mann erwähnten "genischen Fahrplanes" eines Menschen. Bei der Frage, wie es Menschen, bzw. Gene es schaffen, Genverwandte zu identifizieren, war Szondi der Meinung, dass sich die Genverwandtschaft im Gesichtsausdruck niederschlägt und sich deshalb Genverwandte vor allem über die Physiognomie erkennen.

Thomas Mann, Autor der "Buddenbrooks" und Nobelpreisträger, schrieb von seinem Zuhause in Erlenbach-Zürich am 23. Oktober 1953 an Leopold Szondi:

Sehr geehrter Herr Dr. Szondi,
mit Ihrer „Schicksalsanalyse“ haben Sie mir ein bedeutendes Geschenk gemacht, für das ich meinen besten Dank abstatte. Das Buch hat mich schon viel beschäftigt und noch wird es das tun. Manches darin mutet mich überraschend bekannt, verwandt, vertraut an, - wie ja die Erinnerung an Schopenhauers Essay „Über die scheinbare Absichtlichkeit im Schicksal des Einzelnen“ naheliegt. In der Lehre von der „Elternwahl“, bildlich wie diese immer zu nehmen sei, und am Beginn unseres Lebens „noch vor der Kopulation der Geschlechtszellen“ scheint mir das genotropische Denken ins Schopenhauerisch-Metaphysische, eine Philosophie des „Willens“ zu sich selbst hinüberspielen. Sie wissen: Um die Freiheit, Schuld und Verdienst, zu retten, verlegte Schopenhauer sie aus dem operari ins esse. Die Handlungen eines Menschen, meint er, geschehen zwar nach festliegenden Determiniertheiten, „aber es hätte können anders sein". Der Mensch mit seinem Schicksal ist also, was er hat sein wollen. Kommt dem der „genische Fahrplan“ nicht sehr nahe? Ich kann auf die tief- und scharfsinnigen Gedanken des Buches in Für und Wider nicht weiter eingehen. Es ist mir verwehrt. Nehmen Sie diese Zeilen als flüchtiges Zeichen meiner Anteilnahme! 

Ihr sehr ergebener                                                                                             Thomas Mann 

Brief von Thomas Mann (1875-1955) an Leopold Szondi
(Archiv Szondi-Institut, Zürich)


Vordenker der Soziobiologie   
Die These vom Genotropismus lässt sich mit Forschungsinteressen der Psychobiologie in Verbindung bringen, einer Disziplin, die Geistes- und Naturwissenschaften verbindet. Erst mit der Soziobiologie von Edward Osborne Wilson erschien in den späten siebziger Jahren eine Wissenschaftsrichtung, deren Perspektive die Genotropismus-Hypothese auch ausserhalb der Tiefenpsychologie als sinnvoll erscheinen lässt. Wissenschaftshistorisch gewürdigt zählt Szondi zu den radikalen Vordenkern der modernen Soziobiologie. Die heute fast schon vergessenen Ausführungen Szondis über den "genischen Fahrplan" des Menschen, der bereits vor der Zeugung beginnt, sowie die Konzeption vom Kampf und Wettstreit zwischen den Genen rücken in erstaunliche Nähe zu Analogien und Sprachfiguren, die der Soziobiologe Richard Dawkins in seinem Buch „Das egoistische Gen“ (1976) verwendet. Szondi verstand, ähnlich wie die Soziobiologie Jahrzehnte später, das Leben des einzelnen Menschen in einem letztursächlichen, evolutionären Sinn: Menschen sind Mitspieler des reproduktiven Eigennutzes der Gene. Szondi schreibt: „Viele Menschen sagen: ‚Ich‘ wähle; die Schicksalsanalyse ist zu einer anderen Formulierung gekommen: Nicht ‚ich‘ wähle, sondern die latenten Gene wählen in mir." Wenn Dawkins im Vorwort dem Leserpublikum empfiehlt, sein Buch wie eine Science Fiction zu lesen, kann diese Empfehlung ebenfalls für mehrere Passagen in Szondis Werk „Schicksalsanalyse“ gelten (Basel: Schwabe Verlag, Ausgaben 1944, 1949).