Leopold Szondi 

Psychologie der vierten Dimension


 

Durch das Alterswerk von Friedrich Wilhelm Schelling vermittelt, beschreibt Szondi in seiner “Ich-Analyse“ (1956) den Weg des Menschen zur Personwerdung, zum „homo humanus“. In der Schau von Schelling, der auf Anschauungen des Mystikers Jakob Böhme zurückgriff, zerbrach die uranfängliche Einheit und Ganzheit der menschlichen Seele. Das Ich war einst als Voll- und Ganzwesen im All eingebettet, vereint mit dem gegensatzlosen göttlichen Urgrund. Dann trat die menschliche Seele aus der vorpersönlichen Phase der ichlosen „Urpartizipation“ (A-duale Phase) heraus. Das Ich erwachte. Es entstanden Gegensätze wie Gott – Mensch, Subjekt – Objekt, Geist – Natur.

  • Szondi ging von Annahme der Eigenständigkeit menschlicher Bedürfnisse nach Transzendenz und mystischer Partizipation aus. Er postulierte eine vierte Seinsdimension, das Pontifex-Ich, mit dessen Konzeption sich Szondi zu einem Vordenker der „transpersonalen Psychologie“ machte.

Das k-dimensionale Sein

Die zunehmende einseitige Entwicklung und Vorherrschaft des rationalen und begrifflichen Denkens erzeugt nach Szondi eine Wirklichkeitssicht, die er als „Diesseitigkeit“ bezeichnet. Diesseitigkeit meint die Bewusstseinsorientierung, welche Dualismen, Kategorien von Raum und Zeit, sowie die Verkettung von Ursache und Wirkung hervorbringt. Das „Subjekt“ tritt dem von ihm getrennten und unterschiedenem „Objekt“ gegenüber, die „innere“ Welt der „äusseren“.
Die anfängliche Einheit mit dem göttlichen Urgrund zerfällt vollends. Szondi charakterisiert „Diesseitigkeit“ im Rahmen seines Trieb- und Bedürfnissystems als „k“-dimensional, als stofflich-materielle Orientierung des „Habens“ und des Einverleibens. Gerät der Mensch ins Zwangsschicksal einer einseitigen „k“-dimensionalen Bewusstseinsverfassung, verkümmert er zum kalten Rationalisten, der „an allem zweifelt, was jenseits der Verstandesgrenzen, der sinnlichen Erfahrung liegt“. Er „verdorrt“ wie „Dörrgemüse“ in der rationalen Welt, in der nur zählt, was mess- und katalogisierbar wird. Die einseitige Orientierung nach „Haben“ verleitet den Menschen, seine verlustig gegangene Ganzheit zu kompensieren. Er stillt den einstigen Drang nach Einssein und Partizipation, indem er sich gierig Ersatzobjekte aneignet und einverleibt. Der eine sucht den Ersatz in einem Suchtmittel. Er wird zum Süchtigen. Ein anderer findet sein Surrogat in einer neurotischen Symptombildung, dessen Wiederholungszwang sein Leben immer mehr programmier- und voraussagbar macht. Das menschliche Leben ist jetzt getrieben vom ichhaften Drang und Streben nach Wiederherstellung und Wiedererleben der verlustig gegangenen Ganzheit. Solche Menschen übertragen die ihnen verbliebene, im göttlichen Urgrund wurzelnde Seinsmacht auf innerseelische Instanzen (Es, Ich, Überich), auf Objekte und Institutionen. Das heisst, Seele, Denken und Aussenwelt bevölkern sich mit Ersatzobjekten; es sind Suchtobjekte, Symptombildungen, institutionalisierte Religionen, Kultur. Der Einzelne stattet die Surrogate mit Seinsmacht aus, um an ihnen als Ersatz für die Partizipation am göttlichen Urgrund zu partizipieren. Er nimmt die Ersatzobjekte in Verwaltung und sichernden, süchtigen Besitz. Sie erweisen sich nur allzu bald als leidbringenden Pseudoersatz für die anfängliche Ganzheit; letztere entschwindet in unerreichbare Ferne.

Das p-dimensionale Sein 

Der Mensch kann auf den Weg der Person- und Menschwerdung aber auch versuchen, sich seinem ursprünglichen, übergegensätzlichen Ganz- und Vollwesen anzunähern: Der Versuch, das seit dem Erwachen des Ich einseitig entwickelte begriffliche, Polaritäten erschaffende Denken und Bewusstsein durch eine weitere Bewusstseinsform zu ergänzen. Mit dem neuen Bewusstsein begibt er sich in der Terminologie Szondis in eine akausale, raumzeitlos „transreale“ Position. Es ist die „übernatürliche“, p-dimensionale („p“ steht für partizipativ) Seins- und Welterfassung der Jenseitigkeit. „Jenseitigkeit“ meint eine Bewusstseinsorientierung jenseits raumzeitlicher und kausaler Festsetzungen. Eine Bewusstseinsorientierung, in der Bindungen an Raum, Zeit und Kausalität gelockert oder ganz aufgehoben sind. Im Bewusstseinszustand der Jenseitigkeit kann nach Szondi "das Ich eins sein mit Dingen, die räumlich und zeitlich weit weg sich befinden und die miteinander nicht kausal, sondern nur final zusammenhängen“.
In der Bewusstseinsorientierung der Jenseitigkeit wird der Mensch einer „partizipativen“, transrealen und spirituellen („übernatürlichen“) Seinsdimension ansichtig. Im Triebsystem Szondis ist sie dem Bedürfnis („p“) nach Partizipation und Seinsfülle („Seinsmacht“) zugeordnet. (Bei der Konzeptualisierung der transrealen und partizipativen Weltdimension wurde Szondi auch durch Walter Schubart (1940) beeinflusst.) Lebt der Mensch einseitig die p-dimensionale Bewusstseinsorientierung der „Jenseitigkeit“, baut er eine Welt der Ideen und Symbole auf. Ohne Korrektur und Steuerung durch die k-dimensionale Wirklichkeitsschau kann er aber der Ideologie und dem Wahn verfallen.

Das „Pontifex-Ich“ 

Auf seinen weiteren Stationen zur vollendeten Person- und Menschwerdung vermag der Mensch ein „Pontifex-Ich“ zu errichten. Das Pontifex-Ich führt nach Szondi die beiden entzweiten Bewusstseinsorientierungen der Dies- und Jenseitigkeit zusammen, die gesondert nur zur Erfassung von „Halbwelten“ reichen. Idee und Konzept der vierten Dimension decken sich wesentlich mit der Schau von Jean Gebser (1905-1973), der zur gleichen Zeit wie Leopold Szondi 1947 am Psychologischen Seminar des Instituts für Angewandte Psychologie in Zürich dozierte. Die vierte Dimension integriert und überbrückt alle Bewusstseinsstrukturen und deren Wirklichkeitsannahmen. Sie erzeugt folgende Wandlungen und Wirkungen:

  • Überwindung eines einseitig rationalen, nur Teile und Ausschnitte eines Ganzen anvisierenden „perspektivischen“ Denkens zugunsten einer ganzheitlichen Wesensschau

  • Überwindung von Dualismen wie Leben und Tod, Subjekt und Objekt, Mensch und Welt, Gott und Mensch, Seele und Körper, Bewusstes und Unbewusstes, Etwas und Nichts, Jenseits und Diesseits, Natur- und Geisteswissenschaft

  • Überwindung der scharfen Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Vergangenheit und Zukunft werden gegenwärtig

  • Überwindung der einen Wahrheit: Lehrsätze und Dogmen verlieren an Wichtigkeit und Wert, „Entweder-Oder“-Haltung werden abgelöst durch „Sowohl-Als-Auch“-Haltung. Die Gleichzeitigkeit polarer Standpunkte wird erträglich

  • Die Freiheit zur Zeit relativiert die bloss begriffliche, messende und teilende „Uhrzeit“, führt zur Überwindung der durch die Uhrzeit erzeugten Bedrängnis.

Der Mensch gelangt auf seinem Weg der „Mensch- und Personwerdung“ zeitweise dann zur höchsten Stufe des Menschseins und der Freiheit, wenn er in sich das „metaphysische“ Ich, das „Pontifex-Ich“ (wörtlich: brückenschlagendes Ich) aufgerichtet hat und so einer vierdimensionalen Wirklichkeitsschau teilhaftig wird. Bei der Umschreibung seelischer Erfahrungen und Möglichkeiten des zur Stufe des Pontifex-Ich gelangten Menschen griff Szondi auf die Atmanlehre der hinduistischen Upanischaden zurück, die ihm durch Übersetzungen und Interpretationen von Deussen (1921) und Gomperz (1925) vermittelt worden sind. Wie Atman in den Upanischaden als „Brücke“ über alle Gegensätze, als „innerer Lenker“ des Menschen gefeiert wird, so wird der integrierte, ganzheitliche Mensch mit seinem Pontifex-Ich bei Szondi zum selbstbestimmenden Lenker seines Freiheitsschicksals und zum Überbrücker aller Gegensätze und Polaritäten. Im Atman heben sich alle Gegensätze auf: Atman ist Zorn, Nichtzorn, Freude, Nichtfreude, Recht, Nichtrecht, er ist alles. Atman ist „weder das - noch das“. Atman sprengt alle Begriffe und Definitionen. Der Mensch bewegt sich mit dem erreichten Pontifex-Ich wie Atman jenseits der Gegensätze und Pole, er ist stets im Dazwischen unterwegs. Für Momente, jedoch prägend für das weitere Schicksal sind für ihn, wie in der uranfänglichen Einheit, alle Gegensätze aufgehoben. Dies ist für Szondi der Inbegriff des menschlichen Freiheitsschicksals.